Im Hoheslied spricht die Braut von etwas, das so alltäglich ist, dass wir es kaum noch wahrnehmen: Sie hat ihren eigenen Weinberg vernachlässigt. Ihre Brüder haben sie zur Hüterin ihrer Weinberge gemacht – und während sie für andere arbeitet, bleibt ihr eigenes Inneres unbearbeitet, ungepflegt, dunkel.
Das ist nicht nur ein poetisches Bild. Es ist die Beschreibung einer inneren Spaltung, die viele von uns kennen. Wir funktionieren nach außen hin – erfüllen Erwartungen, reparieren, helfen – während wir gleichzeitig von innen heraus unterversorgt sind. Und oft sitzt am Ursprung dieser Spaltung etwas, das so leise wirkt, dass wir es übersehen: Scham.
Scham ist nicht dasselbe wie Schuldgefühl. Schuldgefühl sagt: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Scham sagt: „Ich bin falsch.“ Sie ist die innere Stimme, die uns davon abhält, auch nur einen Moment lang für uns selbst Platz einzunehmen. Sie flüstert, dass wir nicht würdig sind. Dass wir dunkel sind. Dass wir besser funktionieren, als dass wir leben.
Die Braut im Hoheslied trägt genau diese Last. Und dann, in dieser einen Bitte – „Bitte starre nicht verächtlich auf mich“ – offenbart sie, was tief sitzt: Sie erwartet, verurteilt zu werden. Sie hat internalisiert, dass sie die Verachtung verdient.
Die Verletzlichkeit des Vertrauens
Was passiert, wenn wir aufhören, uns selbst zu rechtfertigen? Wenn wir nicht mehr versuchen, unsere Dunkelheit zu verbergen oder zu erklären? Dann werden wir verwundbar. Wir stehen da wie die Braut – nackt vor der Frage, ob wir angenommen werden.
Das ist nicht komfortabel. Es ist sogar beängstigend. Aber hier liegt etwas Kraftvolles: Der Moment, in dem wir aufhören, uns selbst zu verdammen, ist derselbe Moment, in dem wir in die Freiheit treten können. Nicht weil wir plötzlich besser wären, sondern weil wir aufgehört haben, uns von innen heraus zu richten.
Die Entscheidung, dein eigenes „Gericht“ abzulegen – deine Selbstrechtfertigung, deine innere Anklage – ist eine Entscheidung, die Platz schafft. Platz für Gottes Güte, ja. Und auch Platz für dich selbst.
Dein Weinberg braucht dich. Nicht als Sklave/Sklavinin, sondern als Hüter/Hüterin – als jemanden, der ihn mit Respekt behandelt, weil er weiß, dass er wertvoll ist.

